„Resiliencia“ – Die Widerstandsfähigkeit des kubanischen Volkes

Nach unserer Ankunft hier auf Kuba ist uns direkt unser erstes Problem begegnet: Das Einrichten unserer neuen kubanischen SIM-Karten. Am Abend nach unserer Ankunft saßen wir zusammen mit unserer Vermieterin in der Küche im Dunkeln (weil schon den ganzen Tag Stromausfall war) und haben verzweifelt versucht es hinzukriegen bei uns allen unsere SIM-Karten zu aktivieren. Nachdem wir alles versucht hatten, was uns einfiel, unsere Vermieterin sogar noch mehrere Bekannte angerufen hat, die sich vielleicht besser auskannten und trotzdem nichts funktioniert hat wollten wir ein wenig enttäuscht schlafen gehen. Bevor wir gingen, sagte sie nur zu uns „Resiliencia“. Nachdem wir sie alle fragend anschauten, erklärte sie dann, dass dieser Begriff von dem Durchhaltevermögen und der Widerstandsfähigkeit der Kubaner erzählt. Sie sagte, dass egal wie unlösbar ein Problem auch scheint oder wie weit ein Ziel noch entfernt ist, darf man nie resignieren oder aufgeben. Man kann es sich auch wie eine lange Treppe vorstellen, von der man das Ende vielleicht noch nicht sehen kann aber man weiß dass es da ist und wenn man weiter geht, wird man es auch erreichen. Genauso unerreichbar wie das Ziel der kubanischen Unabhängigkeit für Fidel Castro und die 12 Rebellen in den Bergen damals vielleicht erschien die alleine einem gesamten Militär gegenüberstanden, mag das Ziel einer funktionierenden SIM-Karte und Internet einem heute erscheinen, aber wie sich damals gezeigt hat ist es keine Option aufzugeben. Am nächsten Tag hat unsere Vermieterin dann ihren Onkel dazu geholt, um das Problem zu lösen und nach einiger Zeit funktionierte dann auch das letzte Handy wieder. Das war im Grunde unsere erste Lektion, die wir hier erleben durften und genau von dieser „Resiliencia“ der Kubaner, handelt auch dieser Artikel.

Wir sind jetzt schon seit über einem Monat hier auf Kuba und das in einer Zeit, in der die Völkerrechtswidrige US-Blockade einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Seit dem Überfall der USA auf Venezuela am 03.01.2026 wird kein Öl mehr nach Kuba geliefert und Trump droht anderen Ländern mit Zöllen von bis zu 200% wenn sie Öl nach Kuba liefern würden. Auch schon vor dem Überfall auf Venezuela hat das US-Militär venezolanische Öltanker, die auf dem Weg nach Kuba waren Piratenartig abgefangen. Seit Dezember ist also kein Treibstoff mehr auf Kuba angekommen.
Als Reaktion auf die Situation hat die kubanische Regierung am 6. Februar einen Notfallplan aufgestellt (opción cero). Dieser ist eine überarbeitete Version aus der sogenannten Sonderperiode in den 1990er Jahren, der darauf abzielt die Wichtigsten Bereiche der Kubanischen Gesellschaft und der Bedürfnisbefriedigung des Volkes weiterhin abzudecken. Der an die aktuelle Situation angepasste Plan sieht folgendes vor:
Der noch vorhandene Treibstoff dient dem Schutz der wesentlichsten Dienstleistungen der Bevölkerung und wesentlichsten wirtschaftlichen Aktivitäten.  Zum Beispiel die Produktion landeseigener Medizinischer Produkte durch Biofarmaca. Um dies zu gewährleisten hat jeder hier durch das staatlich verwaltete Tanksystem bei einem Tankvorgang Anspruch auf 20 Liter.
Die Stromerzeugung wird im Wesentlichen durch die nationale Produktion von Rohöl, Begleitgas und die Nutzung erneuerbarer Energiequellen aufrechterhalten. 1000 Megawatt werden aktuell durch Solaranlagen täglich produziert. Dies entspricht 38% des Strombedarfs. China kündigte an in den nächsten zwei Monaten Solarmodule zu liefern, die 160 Megawatt mehr am Tag produzieren würden.
Der Betrieb von Versorgungsquellen, die für die Wasserversorgung der Bevölkerung unerlässlich sind, werden geschützt.
Die grundlegenden Gesundheitsdienste für die Bevölkerung werden beibehalten, wobei die medizinische Notfallversorgung, die Gesundheit von Müttern und Kindern Vorrang haben. Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung auf dauerhafte betriebene Maschinen angewiesen sind, haben Vorrang bei der Beschaffung von Solarmondulen.
Die landeseigene Lebensmittelproduktion soll auf Grundnahrungsmittel konzentriert sein und erhöht werden. Dafür sollen landeseigene Ressourcen genutzt werden. Dies bedeutet auch, dass Ackerbau zum Teil mit Zugtieren betrieben wird, und der Strom aus erneuerbaren Energien für die Bewässerung verwendet werden soll. Außerdem soll die Produktion von landeseigenem Reis enorm ausgeweitet werden. Bis zu 200.000 Hektar jährlich. Momentan werden 360 Hektar mit Reis bepflanzt.
Aktivitäten zur Erzielung von Deviseneinahmen, die für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes erforderlich sind, werden so weit wie möglich geschützt. Wie Tourismus und Zigarrenproduktion.
Die öffentliche Verwaltung wird umstrukturiert. In der Verwaltung wird es Arbeitszeiten von Montag bis Donnerstag geben. Um Strom zu sparen und die Arbeitswege zu reduzieren. Da die Knappheit des Treibstoffs im öffentlichen Transportwesen große Auswirkungen hat.
Im Bildungswesen wird auf die Erfahrungen, die während der Coronapandemie gemacht wurden zurückgegriffen. Für die Universitäten werden in enger Absprache mit den Studierendenräten Lösungen entwickelt. Das heißt, dass je nach Lage und Möglichkeiten der Universitätsstandorte, orts- und situationsbedingte Pläne ausgearbeitet werden. Elemente werden sein, Onlineunterricht, selbst Vorbereitung, umstrukturierter Präsents Unterricht oder Studienbegleitenden Praktika. Dies haben wir in unseren ersten Tagen hier schon merken dürfen. Unser spanisch Kurs den wir in den ersten Wochen an der Uni haben, wird aktuell bis auf weiteres auf online verlegt und weitere geplante Aktivitäten fallen ganz aus. Für Schulen und besonders Grundschulen werden Lösungen gesucht sodass weiter eine enge Begleitung der Kinder gewährleistet werden kann.
Bei der Aufrechterhaltung von Kulturangeboten und Veranstaltungen wird ein besonderes Augenmerk auf Amateurkünstler: innen gelegt.
Unser Professor erklärte, dass oft gesagt wird, dass Kuba es schafft trotz der Blockade den Sozialismus aufrecht zu erhalten, aber eigentlich ist es andersrum. Nur aufgrund des Sozialismus ist es möglich die Blockade über Haupt zu überstehen. Die aktuelle Situation zeigt, dass diese enorme Knappheit nur mit einem großen koordinierten solidarischen Plan überwunden werden kann.
Russland kündigte an weiterhin Erdöl zu senden. Bislang wurde das russische Öl in angeheuerten Tankern transportiert. Diese wurden wiederholt vom US-Militär aufgehalten. Deshalb sollen nun zwei russische Schiffe mit russischem Öl geschickt werden. Am 12. Februar kamen bereits zwei Schiffe der mexikanischen Regierung in Habana an, beladen mit Lebensmitteln und Hygieneprodukten.

Die verschärften Aggressionen der USA rechtfertigt Trump am 29. Januar 2026 mit der Unterzeichnung einer Anordnung, mit der ein „nationaler Notstand“ erklärt wird. Begründet wird dies mit der Behauptung, dass Kuba eine ausordentliche Bedrohung für die Nationale Sicherheit der USA darstellen würde. Damit setzt er die ungebrochene Tradition der US-Regierungen fort, die seit über 65 Jahren, seit der Unabhängigkeit Kubas, mit wirtschaftlicher und militärischer Aggression die Menschen in die Knie zwingen wollen.
Der Kubanische Präsident Díaz Canel setzt der Behauptung, dass Kuba eine Sicherheitspolitische Gefahr darstellen würde entgegen, dass diese vollkommen unbegründet wäre. Kuba hat kein Interesse an einem Krieg mit den Vereinigten Staaten und erklärte sich bereit für Gespräche mit Washington, allerdings ohne Druck, ohne Vorbedingungen, auf Augenhöhe und unter Wahrung der Souveränität Kubas. „Kuba ist kein terroristisches Land und keine Bedrohung für die USA“, betonte Díaz Canel. Auf kubanischem Boden gebe es keine Ausländischen Militärbasen oder Truppen mit einer Ausnahme: „Guantánamo, eine illegale US-Basis auf kubanischem Territorium gegen den Willen des kubanischen Volkes.“ Der Notfallplan sieht daher neben den oben genannten Maßnahmen auch vorbereitungsmaßnahmen für die nationale Verteidigung vor wobei betont wird, dass diese rein defensiv sein.

Für uns ist es eine ganz neue Erfahrung so eine Situation mitzuerleben. Viele Fragen und Gedanken kommen auf. Viele Dinge die wir mit unserer Sozialisierung im kapitalistischen Deutschland nur erahnen können. Unser Professor versuchte uns einige davon zu beantworten:
Um in der aktuellen Situation zu verstehen warum für die Menschen auf Kuba aufzugeben keine Option ist, muss man die Geschichte Kubas betrachten. Oft besteht die Annahme, dass die USA, Kuba aufgrund des Sozialismus bekämpfen würden. Dies ist jedoch falsch schon seit 1960, nachdem die ersten Maßnahmen der Revolution in Richtung Unabhängigkeit gemacht wurden, bspw viele US-Amerikanische Unternehmen ihr Land verloren haben da es verstaatlicht wurde, erklärte der damals amtierende Untersekretärs Lester D. Mallory, dass das kubanische Volk durch Hunger und Verzweiflung in die Knie gezwungen werden soll, solange bis die die Regierung gestürzt und die Unabhängigkeit Kubas somit durch das kubanische Volk selbst beendet wird. Noch im selben Jahr wurden erste Maßnahmen der bis heute bestehenden völkerrechtswidrigen US-Blockade eingesetzt. Dass die Kubanische Revolution aber den Weg des Sozialismus einschlägt wurde erst 1962 nach der versuchten Invasion durch von der CIA trainierten Exil-Kubaner in der Schweinebucht ausgerufen.
Unter den drastischen Ausmaßen der Zielsetzung der USA leidet hier jeder einzelne, wenn im Krankenhaus der Strom nicht mehr reicht, die Transportsituation zum Erliegen kommt und in den Schulen das Licht ausgeht.
Doch das Leid, das die Menschen hier erfahren, kommt von der imperialistischen Aggression, und nicht von der durch die USA propagierten „sozialistischen Diktatur“. Er forderte uns auf den von Trump ersehnten Protest gegen die kubanische Regierung zu suchen, und die Polizist:innen und Militärs auf den Straßen zu zählen die den vermeintlichen Aufstand niederschlagen.
Doch wir haben keinen Aufstand gefunden, wir sehen nur viele Menschen, die es gewohnt sind seit 65 Jahren von den Imperialistischen Staaten dieser Welt isoliert und bekämpft zu werden. Menschen, die jeden Tag weiter machen und sich von dem Krieg, der gegen sie geführt wird, nicht unterkriegen lassen.
Es gibt für sie keine andere Option als die Revolution fortzuführen, denn diese hat dem kubanischen Volk die Unabhängigkeit gebracht und die würden sie niemals freiwillig wieder aufgeben.

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